Der wöchentliche Waldtag als Teil eines ganzheitlichen, bewegungsorientierten Unterrichtkonzeptes an der Fidelisschule

 

Die Idee:

Eine sich verändernde Schülerschaft an der Schule für Geistigbehinderte zwingt uns Lehrkräfte immer wieder dazu, unseren Unterricht in Bezug auf Inhalt und Form zu überdenken und gegebenenfalls Änderungen vorzunehmen.

An der SfG werden immer mehr Schüler mit geistiger und seelischer Behinderung unterrichtet, wobei die seelische Behinderung oftmals in den Vordergrund tritt und durch massive Verhaltensauffälligkeiten bis hin zur Verhaltensstörung sichtbar wird.

Wie kann in einer Klasse mit heterogener Schülerschaft ein für alle befriedigender Unterricht stattfinden?

Diese Frage war Ausgangspunkt unserer Überlegungen zu einer „neuen“ Art von Unterrichtweg vom klassischen Unterricht im Klassenzimmer hin zu neuen Formen, die das Gemeinschaftserlebnis (soziales Lernen) und das Naturerlebnis (Naturphänomene an Ort und Stelle entdecken) in den Vordergrund stellt.

 

„Bildungsgut Wald“:

Der Wald schafft eine einzigartige Atmosphäre und ermöglicht uns, aus den ihm innewohnenden Prinzipien viele Antworten auf die Fragen unserer Zeit zu erfahren. Neben dem faszinierendem Wissen über die Wunderwelt des Waldes suchen und finden die Schüler hier – ganz nebenbei – auch „Herzensbildung“: Jeder Gang in den Wald kann Zuversicht geben, Hoffnung wecken, Mut machen, das Verantwortungsbewusstsein prägen sowie Bescheidenheit und Respekt vor der Natur lehren.
Auch vor unseren Schülern macht die moderne „Hightechwelt“ aus Fernsehen, Computer & Co. nicht Halt. Unsere Schüler sind weitgehend naturentwöhnt. Um unserem Bildungsauftrag gerecht zu werden, ergibt sich aus diesem Mangel fast zwingend, die Natur und Umwelt dort zu erleben, „wo sie passiert“: Im Wald!

 

„Waldpädagogik“:

Hinter dem Begriff „Waldpädagogik“ verbirgt sich die waldbezogene Umweltbildung. Am Beispiel des Lebensraumes Wald sollen die Schüler lernen, verantwortungsvoll zu denken und zu handeln. Neben den Erkenntnissen der Naturphänomene (Wetter, Wachstum, Entstehen und Vergehen, Leben und Tod, immer wiederkehrende Veränderungen, Nachhaltigkeit, ....) stehen besonders auch soziale Ziele im Vordergrund.

Leitziele der Waldpädagogik sind:

  • ein gutes Mensch – Wald – Verständnis (Achtsamkeit gegenüber der Natur)
  • ein gutes Mensch – Mensch – Verständnis (Mitgefühl gegenüber anderen Menschen) sowie
  • verantwortungsbewusst handelnde Menschen.

(Vergl. „BDF – Aktuell, Ausgabe 6 – 2006)

 

Die Umsetzung:

Wie können wir die oben beschriebenen Ziele auch tatsächlich erreichen?

Dazu gehört eine gute Vorbereitung der beteiligten Lehrkräfte, eine gute Planung, die den Schülern viel Zeit zum eigenen Erleben des Waldes einräumt sowie ein wenig Mut, einfach zu beginnen.

 

Der erste Schritt:

Der zuständige Revierförster muss über das Vorhaben informiert werden und kümmert sich um den sog. „Gestattungsvertrag“. In diesem Vertrag werden die rechtlich relevanten Zuständigkeiten zwischen Stadt und Schule geklärt.

Schon seit vielen Jahren steht der Fidelisschule ein Waldarbeiterwagen zur Verfügung. In diesem Wagen können wir uns an unserem Waldtag aufwärmen (es steht ein kleiner Ofen darin, der von uns befeuert werden kann) sowie verschiedene Arbeiten am Tisch erledigen.

 

Und dann?:

Neben den o.g. allgemeinen Zielen der Waldpädagogik ist es wichtig, ein solches Projekt auch in den Bildungsplan der Schule für Geistigbehinderte einzuordnen. Die Schüler nehmen den Wald mit allen Sinnen wahr. Dadurch werden Identität und Selbstbild gestärkt.

Im Bildungsbereich Mathematik können die Schüler Körper-Raum-Verhältnisse unmittelbar wahrnehmen und verändern. Über die körperbezogenen Zugänge werden räumliche Sachverhalte erfasst. (vergl. BP der SfG, 2009, S. 132)

Die Schüler erweitern ihre Mobilität, indem sie Kenntnis von Wegen und Orten erhalten und sich an herausragenden Punkten und wichtigen Gesetzmäßigkeiten, einfachen Überblicksdarstellungen und Landkarten orientieren lernen. (vergl. BP der SfG, 2009, S. 133)

Die Dimension „Natur“ erschließt sich den Schülern wie selbstverständlich und in unmittelbarer Art und Weise. Sie erhalten „Zugang zu den Lebensräumen von Tieren und Pflanzen, sodass sie eine Beziehung zur Natur aufbauen und diese als wichtig für ein gelingendes Zusammenspiel von Mensch und Natur erleben können.“ (BP der SfG, 2009, S. 198) Die Schüler erfahren, „dass sie die Natur, in der sie leben, sowohl verändern und gestalten, aber auch gefährden können.“ (BP der SfG, 2009, S. 202) Die Schüler lernen während des wöchentlichen Waldtages ihre Rolle in der sozialen Gruppe und die damit verbundenen Verhaltenserwartungen kennen und auszufüllen. Dabei erproben die Schüler Kommunikation sowie Kooperation mit den Mitschülern. (vergl. BP der SfG, 2009, S. 184)

Natürlich bietet der Wald vielfältige Möglichkeiten zu Spiel, Kunst, Freizeit und auch Arbeit. Je nach Alter und Klassenstufe der Schüler müssen im Wald unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt werden: Für Grund- und Hauptstufe stehen sicherlich Spiel und kreative Inhalte im Vordergrund, während für die älteren Schüler durchaus die Arbeit im Wald und das Kennenlernen verschiedener Arbeitsfelder im Forst an erster Stelle stehen kann.

 

Für die Unterrichtsplanung im Wald gilt:

Weniger ist mehr!

Die Schüler brauchen Zeit und Raum, den Wald für sich zu entdecken. Dazu gehört „freie“ Zeit, die von den Schülern selber gestaltet werden kann / muss. Viele unserer Schüler zeigen im Wald zunächst ein lautes und aufgedrehtes Verhalten. Dies rührt oftmals von aufgestauten Aggressionen oder verborgenen Ängsten her. Damit sich diese Gefühle wieder normalisieren können, ist es wichtig, den Schülern Zeit zu geben, diese negativen Gefühle in einem klar definierten Rahmen auszuleben. Anschließend können sich positive Gefühle einstellen, wie z.B. ein gutes Wir-Gefühl, ein solidarischer Umgang miteinander, Handlungskompetenz und dadurch ein gesundes Selbstwertgefühl.

Zur Harmonisierung der Gefühlswelt trägt in besonderem Maße auch „Doktor Wald“ bei:

  • saubere, bakterienarme Luft (durch ätherische Öle)
  • angenehmes Schonklima
  • Ruhe (Fehlen lästigen Lärmes)
  • Möglichkeit für Bewegung (unterschiedlicher Untergrund, Hindernisse, Steigungen, usw.)
  • Rückeroberung von Körperempfinden (Belebung der Sinne)
  • „Seelentröster“ Wald (beruhigendes Grün, wohltuende Lichtverhältnisse, sympathische Düfte, Jahreszeiten-Erleben)

(Vergl. „BDF – Aktuell, Ausgabe 6 – 2006)

Kind in Wald

 

Was noch getan werden muss:

  • Information der Eltern auch in Bezug auf mögliche Gefahren durch typische Infektionskrankheiten:
    • Hirnhautentzündung oder Lyme-Borreliose durch Zeckenbisse
    • Befall durch den Fuchsbandwurm
    • Tollwut
    • Wundstarrkrampf
    Alle diese Gefahren kann man durch entsprechendes Verhalten auf ein Minimum reduzieren: Impfung gegen FSME (Frühsommermeningitis), Absuchen der Schüler am Abend auf Zecken, Beobachten möglicher Zeckenbisse und evtl. Vorstellung beim Arzt, Früchte aus dem Wald nicht ungekocht essen (Walderdbeeren, Brombeeren, …), Hände waschen vor dem Essen, vor Tieren mit einem atypischen Verhalten fernhalten.
  • Material besorgen: Erste-Hilfe-Tasche, Kochgeschirr, Wasserkanister, Handwaschschüssel, Leiterwagen für den Materialtransport, Arbeitsgerät, usw.
  • Gründliche Erkundung des Waldes durch die Lehrkräfte rund um den Ausgangspunkt.

 

Zum Schluss:

Literatur: Artikel „Waldpädagogik in Deutschland“ in BDF-Aktuell, Ausgabe 6 – 2006 Bildungsplan der Schule für Geistigbehinderte, 2009

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